MPU Augsburg

Gemeinnütziger Verein zur Selbsthilfe bei Suchtproblemen

Darum geht es

Darum geht es


.  .  . Genuss

.  .  . Missbrauch

.  .  . Abhängigkeit


Das kennen wir alle. Was verbirgt sich aber genau hinter diesen Wörtern? Was bedeutet Kontrollverlust? Warum gibt es "süchtiges Verhalten" auch ohne Abhängigkeit und wer hat schon mal was von einem "bewussten JA zum Kontrollverlust" gehört?

Am EndeIst Rückfall gleich Hoppala gleich Ausrutscher gleich Abstinenzpause? In einer Artikelserie möchte ich auf diese und weitere Fragen eingehen; zum Nachdenken, Nachschlagen und nicht zuletzt zum Nachfragen z.B. in den Gruppenstunden.
In Alkohol-Selbsthilfe-Gruppen wird ein abstinentes Leben proklamiert. Was aber, wenn sich der/die ein oder andere gar nicht als abhängig sieht?
Im Bezirkskrankenhaus (BKH) kommt ja nicht nur das typische "Alkoholiker-Klientel".
Manchmal reicht es, eine schwierige Phase im Leben zu haben, der erhöhte Alkohol-Konsum um die Sorgen wegzuspülen wird nicht vertragen, und "Schwups" ist man auf Station.
Trotzdem kann wohl der Besuch einer SHG (auch öfter!) nicht schaden. Der Erfahrungsaustausch kann helfen zu erkennen, was einem noch alles passieren könnte, wenn der Missbrauch andauern würde.
Schon oft wurde gesagt und auch beschrieben, dass der Übergang vom Missbrauch zur Abhängigkeit fließend und unmerklich ist.
Die Kriterien der Welt-Gesundheits-Organisation (WHO) sollte sich jeder einmal zu Gemüte führen.
Und dabei ehrlich zu sich selbst sein.
Natürlich ist es keine erbauliche Aussicht, eventuell auch in die Abhängigkeitsfalle geraten zu sein. Das Leben schont uns aber auch sonst nicht vor Schicksalsschlägen.
Wer sich als gefährdet sieht, tut gut daran, am Ball zu bleiben.
Entscheidungshilfen sind klare Kenntnisse über Alkohol, seine Wirkung und dem Krankheitsbild zugrunde liegende Fakten.
    

Fakt eins:

Alkohol (Ethanol - C2H5OH -) ist ein Rauschmittel.
Das Bier, der Wein etc. mag ganz legal als "Getränk" durchgehen, der Wirkstoff in den jeweiligen Getränken ist eine Droge. Jegliches Führen eines Fahrzeuges (auch Fahrrad!) unter Alkoholeinfluss steht unter Strafe.
In unserer Gesellschaft ist es normal, ab und zu "einen über den Durst" zu trinken. Hier ist bereits vor dem Beginn eines Trinkgelages klar, dass der Abend mit einem Rausch (durch eine Droge bewirkter Kontrollverlust, Übelkeit, veränderte Wahrnehmung der Realität, chemisch erzeugte Hemmungslosigkeit, körperliche Vergiftung etc.) enden wird.
Das ist legal und im Prinzip auch nichts Verwerfliches. Selbst Tiere laben sich an vergorenen (faulen) Früchten und rennen mit `nem Mords Schwips durch die Prärie.
Dann muss aber wieder Schluss sein.
In der Natur wird ein Rauscherlebnis beschränkt auf Zeiten der Fruchtreife. Vor einigen hundert Jahren war das exzessive Trinken ebenfalls auf bestimmte Jahreszeiten (Ernte) begrenzt. Es gab halt noch keine brauchbaren Methoden zur Lagerung.


Ich möchte nicht, dass meine Kinder

eines Tages zu mir kommen, und fragen:

"was hast DU eigentlich gemacht?"

Und ich darauf antworten muss:

"Ich weiss es nicht."



    

Heute kann jeder wann und so viel er will konsumieren. Auch über den Durst. Das ist dann ein bewusstes JA zum Kontrollverlust.

Jugendliche treiben dieses Spiel teils bis zum bitteren Ende. Wobei noch der Einfluss der Gruppe, des sozialen Millieus etc. hinterfragt werden muss. Aus anfänglich bewussten Rauschzuständen (altersunabhängig!) kann aber sehr leicht eine Gewöhnung werden. Der Betroffene findet Gefallen am Trinken, sein Umfeld unterstützt ihn durch fleißiges Zuprosten und überhaupt scheint es keinen Grund für eine Änderung dieser liebgewordenen Unsitte zu geben. Gründe zu trinken gibt es ja genug. Und nach Jahren des Missbrauchs entsteht nach und nach eine saftige Abhängigkeit. Dies ist aber nur ein möglicher Weg zur Sucht. Die Wege des Alks sind Legion.

Eine Grundlage haben (unserer Erfahrung nach) alle Wege gemeinsam: Wenn bereits in frühen Jahren - hier wird auch das Kinderalter eingerechnet - keine alternativen Methoden zur Streßbewältigung, das NEIN-sagen oder die sinnvolle Beschäftigung mit sich selbst erlernt wurden. Leider geben die besten Bemühungen von den Eltern keine Garantie für ein suchtmittelfreies Leben.
Auch wohlerzogene (verzogene) Sprösslinge sind anfällig für chemische Substanzen. Zumal die Wirkung der Droge Alkohol zu erst als hilfreich, entspannend, lustig empfunden wird.


Fakt zwei:

Den Übergang vom Missbrauch zur Abhängigkeit merkt keiner!!
Darum ist ein Aufenthalt im Bezirkskrankenhaus (BKH) eine gute Gelegenheit, sich einmal ganz bewusst mit den eigenen Trinkgewohnheiten zu beschäftigen. Erfahrungsgemäß können sich gerade diejenigen, die sich vehement gegen eine Einstufung zum "Alki" wehren, an der eigenen Nase packen.
Vor einem Eingeständnis, mit dem Suchtmittel nicht mehr klar zu kommen, wird erst einmal abgestritten, verharmlost und allerlei Begründung gefunden, den Stoff im Griff zu haben.
Das ist  - leider - ganz normal.

"Jeder muss erst einmal seinen persönlichen Tiefpunkt erreichen, bevor er den Ausstieg aus der Suchtfalle beginnen kann".
Jetzt soll aber keiner hergehen und munter weiter schlucken, weil`s Ihm ja noch gut geht und von "Tiefpunkt" keine Spur. Es kann auch ein positives Erlebnis sein, das eine Kehrtwende begründet.



    

Ein Ausflug in die Keks-Abteilung.
"Tuc"-Kracker kennt jeder. Wer wusste, dass diese (und praktisch alle anderen Knabbereien) von Wissenschaftlern speziell getrimmt werden auf Geschmack, Abbisshärte, Geräusch beim Brechen etc.? Und zwar nur zu dem einen Zweck, süchtiges Verhalten zu erzeugen. Kein Witz. Ein Keks, dann noch einer und noch einer, dann ist - nanu? - die Packung leer. Wissenschaftlich gesteuertes Konsumverhalten.
- Nur macht uns das nicht zu lallenden Rowdies.
Der intensive Wunsch "heute hab` ich mir ein Bier verdient" (egal wie plausibel es einem erscheint) mit der hektischen Einkaufsaktion kurz vor Ladenschluss ist bereits süchtiges Verhalten. Auch bei Nicht-Abhängigen!
Süchtiges Verhalten ist zunächst nur eine Handlung mit dem Ziel und Zweck, sich besser zu fühlen. Viele Menschen verhalten sich süchtig, ohne dadurch in die Abhängigkeit abzugleiten. Sie weichen durch ihr süchtiges Verhalten lediglich unangenehmen Gefühlen und Situationen aus und dabei bleibt es. Diese Menschen stillen z.B. mit Alkohol nicht ihren körperlichen Durst, sondern den seelischen Durst. Dagegen ist erstmal nichts einzuwenden.

Jeder braucht mal ein Ventil. Nur wenn mehrere Faktoren zusammenkommen, wird es eng. Süchtiges Verhalten, das sich erst in Gewohnheit, dann in Abhängigkeit steigert. Kontrollverlust (den hat man beim Knabbern auch) plus Toleranzsteigerung. Und das nicht mit harmlosen Keksen, sondern mit einer chemischen, psychotropen, abhängig machenden und die Psyche zerstörenden Substanz: Alkohol.
Oder andere Drogen.
Dann lieber Tuc.