MPU Augsburg

Gemeinnütziger Verein zur Selbsthilfe bei Suchtproblemen

Trinkpause vs. Rückfall

Trinkpause vs. Rückfall

Der Unterschied zwischen einer Trinkpause und einem Rückfall.

Typische Trinkpause. Im Anfang ist das Ende bereits vorgesehen. Wenn nicht grundlegende Veränderungen vollzogen werden, kommt der Betroffene zwangsläufig wieder auf die alte Straße zurück.Herr X. trinkt seit 4 Monaten nichts mehr.
Seine Familie hat mit Trennung gedroht, der Arbeitsplatz war gefährdet.
Eine qualifizierte Entgiftung mit 3-wöchiger motivationsrunde im Bezirkskrankenhaus hat er durchlaufen, und die Besuche einer Selbsthilfegruppe stärken den Eindruck bei allen Beteiligten, nun sei alles in Ordnung.
Die Ehefrau und die Kinder sind froh und glücklich, das Neue Leben kann beginnen.

Allerdings beginnt Hr. X. nach geraumer Zeit wieder zu trinken.  Nach einer Weile schafft  X zwar doch wieder den Schritt zur Entgiftung, Alkohol wird verbannt, und alle sind wieder zuversichtlich.
Dummerweise kommt nach einiger Zeit wieder der Alkohol daher.

War das nun ein Rückfall oder "nur" eine Trinkpause?

Diese Antwort kann sich im Regelfall nur der Betroffene selbst beantworten. Vorausgesetzt, Ihm/Ihr ist der Unterschied zwischen beiden Begriffen bewusst.

Das ist eine Abzweigung in Richtung Abstinenz. Eine völlig neue Straße wird befahren. Alte Wege werden verlassen.- Und es ist ein großer Unterschied.

Einen Rückfall im klassischen Sinne gibt es nur, wenn auch tatsächlich der Wunsch und die Entscheidung zu einem abstinenten Leben getroffen wurde.
Das Vorhaben, einfach einmal eine Weile nichts zu trinken (und das können durchaus ein paar Jahre sein!), beinhaltet ja bereits ein Ende der Abstinenz-Phase.
Und daher kann diese alkoholfreie Zeit nur als Trinkpause betrachtet werden. Aus einer Trinkpause kann aber jederzeit gelebte Abstinenz werden, auf die innere Einstellung kommt es schließlich an.
Und die wächst und verändert sich mit der Zeit.
Je intensiver die Bemühungen sind, nicht mehr in alte Verhaltensweisen zurückzufallen (daher kommt das Wort Rück-fall), umso sicherer ist die gelebte Abstinenz. Wer in den Gruppenstunden den Eindruck erhält, das ganze Gerede um „zufriedene Abstinenz“ sei ja nur eine Wunschvorstellung, schließlich sei es ja nervig und geradezu über alle Maßen anstrengend, nichts mehr zu trinken, der sei an dieser Stelle noch mal beruhigt:
Mit der Zeit wird es entspannter. Nüchtern sein wird zum Normalzustand. Nichts mehr zu trinken, das erste Glas stehen lassen, Risikosituationen vermeiden und insgesamt ein selbstbestimmtes, zufriedeneres Leben führen, das wird immer leichter fallen.
Es wäre ja auch schlimm, wenn ein nüchternes Leben nur noch ein Kampf gegen den Alkohol wäre.
    
Natürlich darf die Problematik an sich nicht vergessen oder verdrängt werden.
Die Gefahr eines Rückfalls besteht grundsätzlich immer. Wenn das Risiko nicht so groß wäre, (wieder) alles zu verlieren, seine geistige und körperliche Gesundheit aufs Spiel zu setzen, bräuchten wir auch keine Selbsthilfegruppen.
Aber was sind schon 1,5 Std./Woche für mein  eigenes wohlergehen,  gegen ein Leben (24Std/Tag!) in Sucht und Abhängigkeit?

Ein typisches Beispiel, das viele Betroffene so oder auf ähnliche Weise schon bei sich selbst  feststellen konnten:
Irgendwann im Leben eines Trinkers gibt es eine Phase, in der er auch ohne Alkohol ausgekommen ist: z.B. im Urlaub, weil es der Frau/dem Mann versprochen wurde, eine mehrtägige Geschäftsreise, oder die Schwangerschaft wurde gänzlich ohne Alkohol durchlebt.
Und: - oh Wunder! - von Entzugserscheinungen keine Spur! Also keine Sucht?
Keine Abhängigkeit?
Leider erkennen wir erst im Nachhinein, dass uns in solchen Zeiten lediglich unser Unterbewusstsein (namentlich mit Suchtgedächtnis betitelt) einen Streich gespielt hat.
In der sicheren Annahme, nach der Phase ohne Alkohol (Schwangerschaft, Urlaub etc.) kommt schon wieder was, verhält sich unser Suchtgedächtnis ganz still. Bloß keine Aufmerksamkeit erregen. Nicht, dass der Mensch zu früh merkt, dass er süchtig bzw. bereits abhängig ist.

Tatsächlich stellt sich ein echter Entzug in den meisten Fällen erst ein, wenn der/die Betroffene durch äußere Einflüsse zu der Erkenntnis kommt, den Konsum mindestens zu reduzieren, oder doch mal ganz wegzulassen.
Richtig Panik (heftige Entzugserscheinungen) bekommt unser liebes Suchtgedächtnis, wenn "Mensch" allen ernstes aufhört, zu trinken.
Oft mit Erfolg.
Die körperlich/psyschischen Auswirkungen eines Entzuges sind für viele so schlimm, dass es besser erscheint, wieder etwas zu trinken, um die schrecklichen "Nebenwirkungen" zu reduzieren. Und siehe: "Man" fühlt sich doch gleich besser.
Darum sei an dieser Stelle nochmals dringend auf die qualifizierte Entgiftung im örtlichen Bezirkskrankenhaus (eine rein körperliche Entgiftung ist auch in anderen Kliniken möglich) mit anschließender Motivationsrunde hingewiesen.
Ein Entzug sollte unter fachärztlicher Kontrolle stattfinden (oft auch mit Medikamenten, zur Dämpfung der vielfältigen Gefahren bei einem Entzug).
Die Motivationsrunde im BKH hilft zudem bei der Entscheidungsfindung zu einem tatsächlich abstinenten Leben.

Damit es keine "Trinkpausen" mehr gibt, sondern höchstens noch einen Rückfall, der aufgearbeitet werden kann, um hoffentlich der letzte zu sein.